5. KEF-Forum

5. KEF-Forum

Workshop, 12. Mai 2026, Physikalisch-Technische Bundesanstalt Braunschweig

Das KEF-Forum am 12. Mai 2026 in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) widmete sich der Frage, wie sich die Arbeit der KEFs angesichts veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen, neuer Anforderungen an Forschungssicherheit und einer zunehmenden Vermischung ziviler und militärischer Nutzungskontexte weiterentwickeln muss. Im Mittelpunkt standen dabei konkrete Fallbeispiele aus der Praxis der KEFs sowie institutionelle Überlegungen zur Weiterentwicklung von Verfahren, Zuständigkeiten und Leitlinien. 

In ihrer Begrüßung betonte Cornelia Denz, Präsidentin der PTB, dass wissenschaftliche Erkenntnis nie losgelöst von ihrem gesellschaftlichen Kontext zu verstehen sei. Gerade in einer Einrichtung wie der PTB zeige sich besonders deutlich, wie eng Grundlagenforschung, industrielle Anwendung und sicherheitsrelevante Fragestellungen miteinander verwoben seien. Die PTB stehe einerseits für wissenschaftliche Exzellenz und die Sicherung verlässlicher Messstandards, andererseits aber auch für Dienstleistungen, die in Feldern wie Quantentechnologien, Energie, KI oder Sensorik unmittelbar anwendungsrelevant seien. Denz hob hervor, dass sich in vielen dieser Bereiche die Grenze zwischen ziviler Nutzung und sicherheitsrelevanten Anwendungen zunehmend verschiebe. Vor diesem Hintergrund sei es umso wichtiger, wissenschaftliche Freiheit und Verantwortung immer wieder neu auszutarieren. 

Thomas Lengauer stellte im Anschluss die Arbeit des Gemeinsamen Ausschusses zum Umgang mit sicherheitsrelevanter Forschung von DFG und Leopoldina vor. Ausgangspunkt der Ausschussarbeit seien zunächst Fragen des Missbrauchspotenzials bestimmter Forschungsbereiche gewesen; inzwischen sei jedoch der geopolitische Kontext deutlich stärker in den Vordergrund getreten. Lengauer unterstrich, dass die Wissenschaft weiterhin auf das Modell der Selbstregulierung setze und gerade nicht auf eine unmittelbare staatliche Vorabkontrolle. Dieses Vertrauen müsse allerdings immer wieder neu gerechtfertigt werden. Eine zentrale Rolle komme dabei den KEFs vor Ort zu, die die Verantwortungsethik in die Einrichtungen trügen. Zugleich machte er deutlich, dass die Sichtbarkeit, personelle Ausstattung und institutionelle Verankerung der KEFs an vielen Standorten noch weiter gestärkt werden müssten, insbesondere vor dem Hintergrund neuer Fragen der Forschungssicherheit und internationaler Kooperationen. 

Ulrike Kreger von der TH Köln berichtete über den ersten Dual-Use-Fall ihrer Kommission, bei der es sich nicht um eine reine KEF, sondern um eine breiter aufgestellte Kommission zur Verantwortung in der Wissenschaft handelt. Im Zentrum stand ein Projekt zur Entwicklung blutstillender Textilfasern, die in Schutzkleidung integriert werden sollen, um bei schweren Verletzungen, etwa Schuss- oder Explosionsverletzungen, die Blutstillung zu beschleunigen und damit Zeit für Rettungsmaßnahmen zu gewinnen. Das Vorhaben sei im Rahmen eines NATO-Programms beantragt worden und daher von Beginn an klar im militärischen Kontext verortet worden, zugleich aber auch für zivile Rettungsszenarien anschlussfähig. Kreger schilderte, dass die Kommission ihre Bewertung maßgeblich an der Frage orientiert habe, welche schädlichen Konsequenzen ein Unterlassen des Vorhabens hätte. Ausschlaggebend für die positive Bewertung sei gewesen, dass das Projekt auf Schutz und Lebenserhalt ziele und nicht auf eine Steigerung offensiver militärischer Fähigkeiten. Die Kommission verband ihre Zustimmung jedoch mit mehreren Auflagen. Dazu gehörten eine erneute Befassung vor geplanten Realübungen mit Soldatinnen und Soldaten, eine strukturierte Reflexion des zivilen und militärischen Potenzials, Überlegungen zu Nutzungsbegrenzungen und Publikationsfragen sowie die Bitte, die ethischen Spannungsfelder bereits im Förderantrag ausdrücklich zu thematisieren. Kreger machte zudem deutlich, dass solche Fälle den steigenden Fortbildungsbedarf in der Kommission sichtbar machten und die Frage aufwerfen, ob an Hochschulen für angewandte Wissenschaften eigene KEF-Strukturen weiter ausgebaut werden müssten. 

Barbara Tafel von der PTB stellte anschließend die besondere Situation einer KEF in einer Ressortforschungseinrichtung mit umfangreichen Dienstleistungsaufgaben dar. Anders als an Hochschulen gehe es an der PTB nicht nur um Forschungsvorhaben im engeren Sinn, sondern auch um internationale Vergleichsmessungen, Gastaufenthalte, Konferenzteilnahmen, gemeinsame Publikationen, Personaleinstellungen und Dienstleistungen für staatliche Stellen und Unternehmen. Die PTB sei tief in internationale metrologische Strukturen eingebunden und daher in besonderer Weise von globalen Kooperationen abhängig. Tafel schilderte, dass die KEF der PTB seit ihrer Einrichtung bereits eine große Zahl von Vorgängen bearbeitet habe und dabei vor allem die internationale und geopolitische Dimension im Vordergrund stehe. Als besonders instruktiven Fall stellte sie einen internationalen Schlüsselvergleich vor, der von China koordiniert worden und an dem auch Russland beteiligt gewesen sei. Hier prallten verschiedene Logiken aufeinander: gesetzliche Regelungen sowie politische und ethische Vorbehalte gegen Kooperationen mit Russland einerseits, internationale Verpflichtungen der Metrologie und die Sicherung weltweit anerkannter Messstandards andererseits. Letztlich beteiligte sich die PTB, wie auch andere europäische Institute, nicht an diesem Vergleich, was mittelfristig auch zu Nachteilen für die deutsche Wirtschaft führen könnte. Tafel zeigte damit, dass KEFs in Ressortforschungseinrichtungen häufig nicht nur klassische Dual-Use-Fragen bearbeiten, sondern auch komplexe Abwägungen zwischen internationaler wissenschaftlicher Infrastruktur, politischer Lage, Dienstleistungsauftrag und institutioneller Verantwortung treffen müssten. 

Bert Heinrichs vom Forschungszentrum Jülich stellte neue Leitlinien seiner Einrichtung für den Umgang mit Dual-Use-Forschung vor. Ausgangspunkt sei die dort geltende Friedensklausel, die nach Auffassung der Jülicher KEF nicht so zu verstehen sei, dass jede militärbezogene Forschung ausgeschlossen werde. Maßgeblich sei vielmehr die Unterscheidung zwischen friedlich und kriegerisch auf der einen sowie zivil und militärisch auf der anderen Seite. Um Forschenden mehr Orientierung zu geben, habe die Jülicher KEF drei zentrale Bewertungskriterien hervorgehoben: die Art des Förderers, dessen Herkunft sowie die Anwendungsnähe eines Vorhabens. Bei öffentlichen deutschen Förderern könne grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass deren Ausschreibungen an Gesetz und Verfassung gebunden seien; auch bei privaten Akteuren aus Deutschland oder der EU bestehe zunächst eine Vermutung der Rechtskonformität. Komplexer werde es hingegen bei nicht-europäischen Akteuren oder bei Projekten mit hoher Anwendungsnähe. Heinrichs machte deutlich, dass diese Kriterien keine schematische Lösung bieten, wohl aber eine praktikable Orientierung für Forschende und KEFs. Zugleich unterstrich er, dass die KEF nur ein Teil eines größeren institutionellen Gefüges sei. Für rechtsverbindliche Fragen, Außenwirtschaftsrecht oder institutionelle Prüfungen sei sie auf die Zusammenarbeit mit Rechtsabteilung und anderen spezialisierten Stellen angewiesen. 

Marcus Conlé und Timo Kehl vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) zeigten, wie sich das Aufgabenprofil ihrer KEF durch neue Anforderungen von Drittmittelgebern deutlich verändert hat. Während ursprünglich die wissenszentrierte Frage im Vordergrund gestanden habe, ob bestimmte Erkenntnisse missbräuchlich verwendet werden könnten, habe sich der Fokus zunehmend auf Akteure, Kooperationen und Zugänge verschoben. Anfragen von Förderorganisationen richteten sich heute häufiger auf Forschungssicherheits- und Compliance-Fragen als auf klassische ethische Bewertungen sicherheitsrelevanter Forschung. Das DKFZ habe darauf reagiert, indem es die bereits bestehende Stabsstelle für Biologische Sicherheit aufgrund der engen Verknüpfung biologischer Fragestellungen mit Aspekten der Forschungssicherheit und Exportkontrolle um diese Themenfelder erweitert hat und eine flexible Ad-hoc-Kommission eingerichtet hat. Anhand eines Falls, in dem ein Wissenschaftler aus dem Iran ein Projekt zur Krebsforschung beantragen wollte, machten Conlé und Kehl deutlich, dass nicht das Forschungsthema selbst problematisch gewesen sei, sondern mögliche sanktionsrechtliche und sicherheitsbezogene Fragen im Hinblick auf Zugänge zu Materialien, Laborbereichen oder technischem Know-how. Ziel sei es gerade, differenziert zu prüfen, unter welchen Bedingungen Forschung ermöglicht werden könne, statt Risiken vorschnell durch pauschale Ausschlüsse zu beantworten. Die KEF werde damit stärker in institutionelle Prüfprozesse eingebunden, die sich an der Schnittstelle von Ethik, Forschungssicherheit und Compliance bewegten. 

Im abschließenden Vortrag ordnete Sabine Puch vom DLR-Projektträger die Diskussion in den größeren Rahmen der Forschungssicherheit ein. Diese sei nicht als Gegensatz zur Wissenschaftsfreiheit zu verstehen, sondern als eine ihrer Voraussetzungen. Forschungssicherheit schütze nicht nur Einrichtungen und Staaten vor unerwünschtem Wissensabfluss, unzulässiger Einflussnahme oder dem Missbrauch von Forschungsergebnissen, sondern auch Forschende und Kooperationspartner selbst. Puch warb für einen „Whole-of-System“-Ansatz: Forschungssicherheit dürfe nicht als Zusatzaufgabe einer einzelnen Stelle verstanden werden, sondern müsse als Querschnittsaufgabe institutionell verankert werden. Dazu gehörten Leitungsunterstützung, physische Sicherheit, Cybersicherheit, Exportkontrolle, Vertragsmanagement, Prüfprozesse, Sensibilisierung und Schulung. KEFs hätten darin eine wichtige Rolle, insbesondere bei Fragen der Ethik, Forschungsintegrität und sicherheitsrelevanten Forschung, könnten diese Aufgaben aber nur als Teil eines größeren Systems wirksam wahrnehmen. Entscheidend sei, bestehende Prozesse in Einrichtungen miteinander zu verknüpfen und schrittweise ein belastbares Forschungssicherheitsmanagement aufzubauen. 

Die Diskussionen griffen wiederholt die schwierige Grenzziehung zwischen ethischer Bewertung, rechtlicher Prüfung, Exportkontrolle und institutioneller Verantwortung auf. Erörtert wurden unter anderem der Umgang mit Personalfragen, die Gefahr pauschaler Länderbewertungen, die Rolle von Zivil- oder Friedensklauseln sowie die Frage, wie weit KEFs in Fragen der Forschungssicherheit überhaupt gehen sollten. Dabei wurde deutlich, dass viele Einrichtungen derzeit nach tragfähigen Verfahren suchen, um die neuen Anforderungen institutionell zu bewältigen, ohne die wissenschaftliche Offenheit aufzugeben oder KEFs zu überfordern. 

Das KEF-Forum 2026 zeigte, dass die KEFs heute in einem deutlich erweiterten Spannungsfeld arbeiten. Neben den klassischen Dual-Use-Fragen treten zunehmend Themen der Forschungssicherheit, internationale Kooperationsrisiken, neue Anforderungen von Drittmittelgebern und grundsätzliche Fragen nach der Rolle wissenschaftlicher Selbstregulierung. Gerade deshalb erwies sich der Austausch konkreter Fälle, institutioneller Modelle und praktischer Erfahrungen als besonders wertvoll. Das Forum machte deutlich, dass die KEFs auch künftig eine zentrale Rolle dabei spielen werden, wissenschaftliche Freiheit, institutionelle Verantwortung und sicherheitsethische Reflexion miteinander zu verbinden. 

© Physikalisch-Technische Bundesanstalt