Leopoldina-Lecture, 9. Juni 2026, Hannover
Im Rahmen der 28. Leopoldina-Lecture in Herrenhausen diskutierten Expertinnen und Experten über das Zusammenspiel von KI und synthetischer Biologie. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Chancen diese Entwicklung für Medizin und Forschung eröffnet und wie sich zugleich Missbrauchsrisiken begrenzen lassen. Der Vorstand der Volkswagenstiftung Dr. Georg Schütte und die Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina Prof. Dr. Bettina Rockenbach eröffneten die Veranstaltung und betonten, dass sich diese bewusst im Spannungsfeld von Innovationspotenzial, Verantwortung und Sicherheit bewege. Moderiert wurde die Veranstaltung von Sonja Kastilan, Leiterin der Abteilung Wissenschaftskommunikation der Leopoldina.
Jens B. Bosse, Professur für Quantitative Virologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) am Centre for Structural Systems Biology (CSSB) in Hamburg, zeigte, wie stark KI die synthetische Biologie bereits verändere. Anhand von Beispielen aus der Virologie erläuterte er, dass KI heute Proteinstrukturen vorhersagen und sogar neue biologische Bausteine bis hin zu Genomen entwerfen könne. Dadurch könnten z. B. gezielte Gentherapien oder innovative Ansätze gegen antibiotikaresistente Bakterien schneller entwickelt werden. Zugleich beschleunige KI Forschungsprozesse insgesamt erheblich und könne in Verbindung mit automatisierten Laboren die biologische Forschung grundlegend verändern.
Jens Bohne, Virologe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), richtete den Blick auf die Frage, wie mit sicherheitsrelevanter Forschung umzugehen sei. Er machte deutlich, dass nicht jede riskante Forschung grundsätzlich verboten werden könne, weil ihr oft legitime wissenschaftliche oder medizinische Ziele zugrunde lägen. Entscheidend sei daher eine sorgfältige Abwägung im Einzelfall. Bohne warb für einen verantwortungsvollen, wissenschaftsgetragenen Umgang mit solchen Fragen und betonte die Bedeutung von Sensibilisierung, Ethikprüfungen und Selbstregulierung in der Forschung.
Una Jakob, Leiterin der Forschungsgruppe „Biologische und chemische Abrüstung und Sicherheit“ am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung (PRIF), ordnete das Thema aus politikwissenschaftlicher und internationaler Perspektive ein. Sie unterstrich, dass der Missbrauch biologischer Forschung kein neues Problem sei, durch KI aber neue Dynamik gewinne. Gleichzeitig warnte sie vor Alarmismus, denn technische Möglichkeiten führten nicht automatisch zu tatsächlichem Missbrauch. Nötig seien vielmehr internationale Normen, abgestufte Regulierung, technische Schutzmechanismen und ein enger Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Industrie.
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass KI und synthetische Biologie große Chancen für Gesundheit und Forschung bieten, aber zugleich eine für die breite Bevölkerung schlüssige Kommunikation und neue Formen der Verantwortung verlangten. Einigkeit bestand darin, dass Regulierung allein nicht ausreiche. Entscheidend blieben Transparenz, internationale Zusammenarbeit und ein frühzeitig geschärftes Risikobewusstsein in der Wissenschaft.








